Liebe Leserin, lieber Leser

unlängst ist an mich die Bitte herangetragen worden, mich an einem Buch zu beteiligen, in dem ich der Autorin über mein Leben berichte und darüber, was mich besonders geprägt hat. Ich habe dieser Anfrage gerne zugestimmt, da es sich bei der Autorin um eine versierte Pädagogin handelt und ich davon ausgehen konnte, dass wir über Erziehung und Selbsterziehung sprechen würden. Wahrscheinlich sogar von zwei unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehend, weil die Wissenschaftlerin für die akademische Bildung steht, während meine Biografie von der Universität des Lebens geprägt ist. Und weil ich diese heute noch täglich besuche und beim Betreten jedes dm-Marktes und bei jeder Begegnung um Erkenntnis ringe, während die Autorin sich Forschung und Lehre widmet.

Im Interview wurde mir – wieder einmal – deutlich, dass die Universität des Lebens ein ebenso spezielles wie wirksames Instrument bereithält, um Erkenntnis zu ermöglichen, nämlich Schlüsselerlebnisse. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich mit der Frage auseinandersetzt, wozu unser Erdendasein dienen soll und sich folgende Antwort geben kann: Als Mensch ist mein Ziel kein stetiger Überlebenskampf wie bei den Tieren, sondern wir wollen an der Welt tätig werden. Völlig off en ist noch, inwieweit sich die Erde opfern muss, damit wir an unseren Fähigkeiten wachsen können.

Leider werden unsere Kinder bei der Gestaltung ihrer Biografie heute viel zu oft alleine gelassen. Wir bei dm merken das vor allem bei den vielen Tausend Schülern, die Jahr für Jahr eine Lehre bei uns starten. Unsere moderne Gesellschaft eröffnet zwar unzählige Möglichkeiten, aber sie lenkt dadurch die jungen Menschen leicht vom Wesentlichen ab. Die Konzentration des Alltags auf das Konsumieren, das Proklamieren der Spaßgesellschaft und vor allem die Ideologie der „Selbstverwirklichung“ führen in die Irre. Die Übergänge zwischen zahllosen Werbebotschaften, die unter die Gürtellinie zielen und schon Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht als Entwicklungswesen, sondern als Reiz-Reaktions-Wesen ansprechen, hin zu dem manischen Streben nach einer „individuellen Selbstverwirklichung“, bei dem die Sinnfrage ausgeklammert bleibt, sind fließend, unmerklich, ja verführerisch.

Sie müssen sich nicht für meine Biografie interessieren, aber Sie sollten sich unbedingt für Ihre eigene Biografie interessieren – und Sie sollten junge Menschen für Biografisches begeistern. Mir hat die Frage sehr geholfen, wie bei meiner biografischen Entwicklung Seele, Geist und Körper zusammenhängen. Ich behaupte, dass wir als Arbeitsgemeinschaft dm so erfolgreich sind, weil wir über eine solche Biografiearbeit unsere Weltbezüge definierthaben. Diese Arbeit braucht es, um ein Unternehmen als Plattform für viele Biografien zu begreifen, als ein Mittel, das der Fähigkeitsentfaltung der Beteiligten dient.

Deshalb arbeiten wir stetig daran, möglichst viele Menschen bei dm in eine „unternehmerische Disposition“ zu bringen. Beobachtendes Wahrnehmen, Erkennen, Verifizieren und Methodisieren – dieser Vorgang ist eine unternehmerische Attitüde, die man bei der Biografiearbeit lernt. Denn genauso wie ich werden alle Menschen in einem Stadium der Bewusstlosigkeit geboren, um Schritt für Schritt zu lernen, die Welt zu verstehen. Und verstehen wollen wir, weil wir die Welt verändern wollen.

Der derzeit größte Irrtum in unserem Kulturkreis ist allerdings ganz im Sinne von „Selbstverwirklichung“ die Fehlannahme der Wirtschaftswissenschaft, dass die Wirtschaft wegen unseres Strebens nach egoistischem Individualismus funktioniere. Wer so denkt, der denkt die Menschen als Mittel und den „funktionsfähigen Markt“ als Zweck.

Menschen, Sie oder ich, sind aber nie Mittel, sondern immer Zweck aller Bestrebungen. Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht umgekehrt.

 

Herzlichst Ihr

Götz W. Werner aus alverde 02/2013

 

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