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Wesentliche Aspekte und Fragen zum Veganismus von Dr. med. E.W. Henrich (provegan)


Fleischkonsum ohne Gewissenvon Reinhard Nixdorf

Alle Jahre wieder Grüne Woche in Berlin: Großversuch, Verbrauchern unsere Ernährungsindustrie schmackhaft zu machen. Zwar macht sich das Unbehagen immer stärker Luft, etwa auf der Großdemonstration „Wir haben es satt“, die heute am Potsdamer Platz startet, doch fragt sich, ob solche Aktionen eine Wende einleiten. Immer noch greift Otto Normalverbraucher beim Sonderangebot bedenkenlos zu und die Frage, unter welchen Bedingungen hundert Gramm Lammkotelett zu 1,709 Euro und Salami zu 1,29 Euro erzeugt wurden, wird in der Regel mit dem Satz beantwortet: „Verdirb mir bloß nicht den Appetit, darüber darf man gar nicht nachdenken!“ Im Gegenteil – gerade das sollte man tun.

Jedes Stück Fleisch stammt von einem Lebewesen. Aber Fleisch aus artgerechter Haltung ist selten. Hierzulande gibt es Vorschriften und Gesetze, auch Massentierhaltung, aber zu wenig Kontrolleure. Der Fleischatlas 2014, den der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Heinrich Böll-Stiftung vor kurzem vorgestellt haben, zeigt: Die Produktion von Fleisch ist zum Big Business geworden: Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden weltweit fast 470 Millionen Tonnen Fleisch produziert – hundertfünfzig Millionen Tonnen mehr als heute. Was das geschundene Geschöpf erleidet, ist Nebensache.

Und dieses Big Business setzt auf Masse, denn in China oder Indien steigt der Fleischkonsum. Und Europa und Amerika liefern. 2013 wurden hierzulande in modernen Anlagen 730 Millionen Tiere geschlachtet, im Minutentakt, oft auf grausame Weise. Größter Fleischproduzent sind die Vereinigten Staaten. Allein in einer Woche schlachtet „Tyson Food“ 42 Millionen Tiere. Und die Amerikaner drängen auf den europäischen Markt. Wachstumshormone sind in den Vereinigten Staaten erlaubt. Das Freihandelsabkommen, das derzeit ausgehandelt wird, könnte die Tore für Hormonfleisch öffnen.

Die industrielle Fleischproduktion stellt die traditionelle Tierhaltung auf den Kopf: Traditionelle bäuerliche Gesellschaften halten Vieh niemals allein wegen des Fleisches. Dort ziehen Tiere Pflug oder Wagen, sind eine Sparkasse für Notzeiten und liefern Dünger für die Äcker. Rassen müssen an Klima und Futter angepasst sein. Die Zahl der Tiere hängt davon ab, wieviel Futter, wieviel Weidefläche vorfügbar ist. Das Vieh frisst, was Menschen nicht essen können. Freilaufende Hühner suchen Schnecken und Würmer. Schweine erhalten Küchenabfälle, fressen sich im Wald an Eicheln und Bucheckern satt, Rinder, Schafe und Ziegen ernähren sich von Gras. Mit ihrer Hilfe kann man Nahrung – Milch und Fleisch – auf Land erzeugen, das als Acker kaum nutzbar ist: etwa auf Steppen und Bergflächen.

In der industriellen Tiermast braucht das Vieh dagegen nicht robust und freilandtauglich zu sein, denn es hat nur ein einziges Leistungsziel und wird für diesen Zwick gezüchtet: Kühe sollen möglichst viel Milch geben, Schweine rasch schlachtreif sein, Legehennen möglichst viele Eier legen, Brathähnchen in kürzester Zeit die größte Menge Brustfleisch ansetzen. Wo Hühner, Schweine oder Rinder zu Tausenden in klimatisierten Ställen gemästet werden, sind Weideflächen unnötig. Das Futter stellt die Industrie her: aus Mais, Gerste und Soja. Entscheidend für den Standort sind Transportwege, die den Zugang zum Weltmarkt sichern. Dass sich etwa die Schweine- und Hühnermast gerade in Norddeutschland und den Niederlanden häuft, hat seinen Grund in der Nähe zu den Nordseehäfen. Und weil nur ein einziges Leistungsziel entscheidet, ist Artenvielfalt unerheblich: Bei der Zucht setzen sich wenige Linien durch: Sie sind in der Handweniger Unternehmen, die etwa Küken für Legehennen in die ganze Welt liefern. Weil Zuchtlinien mit mehr „Eierleistung“ weniger „Fleischleistung“ bringen, sind die Brüder der Legehennen für die Mast ungeeignet und werden sofort getötet.

Die ökologischen und sozialen Kosten sind hoch. Tiere werden in Mastfabriken zu Instrumenten der Fleischproduktion. Sie erhalten große Mengen Antibiotika, in den Vereinigten Staaten und China auch Wachstumshormone. die Exkremente sind mit diesen Mitteln belastet und fallen massenhaft am selben Ort an: Was in der traditionellen Tierhaltung wertvoller Dünger war, wird in der industriellen Tiermast zum Umweltgift.

Auch macht die industrielle Tiermast das Vieh zu Nahrungskonkurrenten des Menschen – selbst Rinder, die eigentlich nur Gras brauchen. Kraftfutter macht sie fetter, schneller schlachtreif und ist für die Milchleistung von Hochleistungskühen nötig, Milchleistung steht in Europa bei der Rinderhaltung im Vordergrund. Der Anbau der Futtermittel verknappt das Ackerland für die Ernährung der Menschen. Grob geschätzt dürften zwei Drittel des bebauten Landes weltweit der Ernährung des Viehs dienen. Weiden sind dabei nicht eingerechnet.

Zudem trägt die Fleischproduktion zum Ausstoß von Treibhausgas und damit zum Klimawandel bei. Das geschieht etwa, wenn Wald oder Grasland in Soja-Äcker verwandelt und Weiden falsch genutzt werden. Dass Kühe Methan von sich geben, ist übrigens nicht das Kernproblem. In nachhaltiger Weidehaltung schützen Rinder das Klima sogar, denn sie lösen das Wachstum der Gräser und ihrer Wurzeln aus und damit die Humusbildung. Die entzieht der Atmosphäre Kohlendioxid. Am meisten dürfte die Viehzucht das Klima aber durch Lachgas-Emissionen belasten, die durch Stickstoffdüngung beim Anbau von Futtermitteln entstehen.

Nichts spricht dafür, dass sich der Trend zu industrieller Mast umkehren lässt. Besteht er weiter, wird die Fleischmast immer stärker in die Hände einer kapitalkräftigen Fleischindustrie wandern. Dies wird nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO 675 Millionen Menschen treffen, die heute von der Tierzucht leben, kein Kapital besitzen und auch keine Kredite für Turbotiere, Silos oder Mastfabriken bekommen werden. Diese 675 Millionen Bauern werden dem Preisdruck der Massenproduktion nicht standhalten können. Sie werden für ihr Fleisch keine Absatzmärkte mehr finden, weil ihre Kosten weit über denen des Industriefleisches bleiben werden. Ihnen droht der Absturz ins Elend.

Die industrielle Tiermast ist weder nachhaltig, noch ökologisch, tiergerecht und sozial. Will man das ändern, muss der Verbrauch von Fleisch sinken. Doch lässt sich ein verantworteter Konsum genauso wenig verordnen wie die Wertschätzung von Lebensmitteln, vielleicht nicht einmal das Mitgefühl mit den leidenden Tieren in den Massenställen. Ein Umdenken aber ist dringend notwendig.

aus: Die Tagespost. Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, www.die-tagespost.de, Ausgabe: Samstag, 18. Januar 2014 Nr. 7 / Nr. 3 ASZ

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