+++ Sa., 22. Juli 2017, 18.00 Uhr +++ „Das neue Dorf" mit Prof. Ralf Otterpohl +++

"Kulturen sind nicht gleichwertig" von Ayaan Hirsi Ali

Die in den Niederlanden lebende Politikerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali ist seit ihrem Film "Submission (Unterdrückung) und dem Mord an Freund und Regisseur Van Gogh über Nacht auch in Deutschland bekannt geworden. Die mutige Aufklärerin setzt sich für die menschenwürdige Behandlung junger islamischer Frauen ein.

Wir möchten unseren Lesern Auszüge eines Interview vorstellen, das Iris Alanyali mit Hirsi Ali geführt hat:

IA: Denken Sie jemals: Ich will wieder einfach nur eine Privatperson sein?

Hirsi Ali: Oh doch, das tue ich, sehr oft sogar. Aber ich habe zuviel erreicht, was das Bewusstsein der Leute für das Los moslemischer Frauen und Kinder angeht, als dass ich meine Arbeit bereuen könnte.
IA: Haben Sie auch Freunde verloren?
Hirsi Ali: Zuallererst meine Familie. Die Distanz zu meinen Eltern ist groß. Und ich habe moslemische Freunde, die mir gesagt haben: Wegen Deiner Kritik am Islam wollen wir nichts mehr mit Dir zu tun haben. Aber sie hätte ich ohnehin verloren: Was sind das für Freunde, die Dir nicht die Freiheit geben, anders zu denken als sie?

Religion siedelt das Gute und das Böse außerhalb des einzelnen an und sagt: Wenn Du nur meinen Regeln folgst, bist Du gut. Und wenn nicht, bist du automatisch böse. Aber man muss diese Regeln in Frage stellen dürfen, um seine Religion verinnerlichen zu können.
IA: Sie machen es Ihren Kritikern allerdings leicht, indem Sie stets darauf hinweisen, dass die Aggressivität und der Hass keine fundamentalistischen Abarten sind, sondern im Islam selbst stecken.

Hirsi Ali: Ich verweise durchaus auf die guten Seiten, die Mohammed gepredigt hat. Aber in den Quellen des Islam stehen eben auch Dinge, die mit einer liberalen Demokratie nicht vereinbar sind.
IA: Die aus Uganda stammende kanadische Journalistin Irshad Manji, die in ihrem Buch "Der Aufbruch" wie Sie für einen aufgeklärten Islam plädiert, schreibt: "Der Koran liegt mit sich selbst im Krieg."
Hirsi Ali: Genau. Ich fordere ebenso wie Irshad, dass Moslems beide Seiten beachten. Es gibt Stellen im Koran, die zum Frieden aufrufen, und Stellen, die den Kampf gegen Nichtmoslems fordern. Wenn ich Bin Ladens Schriften lese, finde ich die Quellenangaben, mit denen er seinen Feldzug begründet, ganz richtig im Koran wieder. Aber wenn Moslems davon ausgehen, dass alles, was im Koran steht, wahr und heilig ist, kann es auch in eine andere Richtung gehen. Wir können diese Stellen nicht ausmerzen. Warum aber können wir diesem Problem nicht ins Gesicht sehen?
IA:: Die Konsequenz Ihrer Islamkritik wäre, Atheistin zu werden, wie Sie eine geworden sind.
Hirsi Ali: Das ist eine individuelle Entscheidung. Es ist nicht meine Schuld, das liegt in der Natur der Sache. Und wir Moslems sind nicht die ersten, die sich mit diesem Problem auseinandersetzen mussten. Unter christlichen wie jüdischen Religionskritikern gab es welche, die wie Spinoza oder Karl Popper zu Atheisten wurden, und andere, die gläubig blieben, John Locke zum Beispiel. Irshad, die wie ich unter Personenschutz steht, hat ihren Glauben bewahrt. Sie sagt, die spirituelle Seite des Islam gibt ihr einen großen Zuspruch, den sie nicht aufgeben will. Ich bin weniger spirituell.
IA: Wie weit darf Religionskritik gehen? Was sagen Sie zu den US-Soldaten, die die Gefangenen in Abu Ghraib misshandelt haben, oder in Guantánamo den Koran geschändet haben sollen?
Hirsi Ali: Das sind derartige Skandale und Menschenrechtsverletzungen, die ein Land wie die USA sich nicht leisten darf. Weil es ein Land mit einer freien Demokratie ist, und eines, das erklärt hat, diese freie Demokratie verbreiten zu wollen. Und dann geht man hin und macht Dinge, die ganz klar darauf ausgerichtet sind, Menschen zu demütigen, zu erniedrigen, ihren Stolz und ihre Würde zu verletzen. Damit will ich in keinster Weise in Zusammenhang gebracht werden. Ich will niemanden erniedrigen. Ich will laut über die Werte nachdenken dürfen, mit denen ich erzogen wurde.
IA: Den Film "Submission" betrachten viele Moslems auch als Beleidigung.
Hirsi Ali: Ich nehme eine Aussage des Korans, der zufolge Frauen dem Mann untertan sind. Ich schreibe diese Sure auf den verprügelten Körper einer Frau. Ich weise auf die gedemütigte Frau hin, ich demütige nicht eine Gruppe von Menschen, die ich zuvor als Gefangene genommen habe.
IA: Sind Sie nach den heftigen Reaktionen vorsichtiger?
Hirsi Ali: Ich bin vorsichtiger geworden, ich beachte den Kontext, in dem ich etwas sage, genauer. Aber ich betrachte mich nach wie vor als Aktivistin. Ich bin Politikerin geworden, um laut sagen zu können: Frauen im Islam werden unterdrückt. Und diese Frauen sind überall. Und in liberalen Gesellschaften ignorieren wir sie, anstatt ihnen zu helfen. Ich hätte nie gedacht, dass ich solche Reaktionen hervorrufen würde. Aber deshalb werde ich nicht aufhören. Ich lehne keine multikulturelle Gesellschaft ab, ich lehne ihre Theorie ab, die von der Gleichberechtigung aller Kulturen ausgeht. Eine Kultur, die Ehrenmorde und die Unterdrückung der Frau vorsieht, ist nicht gleichwertig mit einer Kultur, die die Freiheit des Individuums schützt.
IA: Sie weisen, wie Irshad Manji, den Frauen im Aufklärungsprozess eine zentrale Rolle zu.
Hirsi Ali: Es gibt mittlerweile so viele Frauen, die die Möglichkeit hatten, eine gute Ausbildung zu genießen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir haben die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass es da kein Zurück gibt, dass manchen Frauen dieses Leben nicht aus religiösen Gründen verweigert wird.
IA: Wie sieht die "dritte feministische Welle aus", von der Sie schreiben?
Hirsi Ali: Die erste bestand darin, Frauen als Individuen zu sehen, die selbst denken können. Man gab ihnen das Wahlrecht. Die zweite kam mit der sexuellen Revolution. Eine Gleichberechtigung, die auch gesetzlich verankert wurde. Die dritte Welle liegt darin, diese Rechte mit Frauen zu teilen, die nicht aus westlichen Ländern kommen. Das ist ein langer Prozess. Aber die dritte feministische Welle ist nur noch eine Frage der Zeit. Der erste, wichtigste Schritt ist, moslemische Mädchen vor Gewalt zu schützen.
IA: Jetzt arbeiten Sie an einem Buch, das Sie "Abkürzungen zur Aufklärung" nennen.
Hirsi Ali: Die Abkürzungen liegen darin, die Entwicklung zu nutzen, die der Westen bereits durchlaufen hat. Der Islam muss nicht von Null anfangen. Moslems sagen immer, wir folgen dem Westen nicht, das ist haram, im religiösen Sinne verboten. Okay, sage ich da, aber ihr fliegt mit Flugzeugen, die im Westen entwickelt wurden, fahrt ihre Autos, nutzt Radio, Fernsehen und Internet. Warum übernehmt ihr nicht nur die materiellen, sondern auch ein paar intellektuelle Werte?

Wiedergabe mit frdl. Genehmigung "Die Welt", Artikel vom 31.5.05, Autorin Iris Alanyali


"GEWALT IST DAS GEGENTEIL VON BILDUNG. GEWALT IST UNBILDUNG"

Sigrid Beckmann-Lamb

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