"Ich bin müde, meine Seele, zu lange dauerte mein Wandern, mein Suchen nach mir außer mir. Nun bin ich durch die Dinge gegangen und fand dich hinter dem Allerlei. Aber ich entdeckte auf meiner Irrfahrt durch die Dinge Menschheit und Welt. Ich habe Menschen gefunden. Und dich, meine Seele, fand ich wieder, zuerst im Bilde im Menschen und dann dich selber. Ich fand dich dort, wo ich dich am wenigsten erwartete. Dort stiegst du mir aus dunklem Schachte empor. Du hattest dich mir im Voraus angekündigt in Träumen; sie brannten in meinem Herzen und trieben mich zu allem Kühnsten und Verwegensten und zwangen mich über mich selbst emporzusteigen. Du ließest mich Wahrheiten sehen, von denen ich früher nichts ahnte. Du ließest mich Wege zurücklegen, deren endlose Länge mich geschreckt hätte, wenn nicht das Wissen um sie in dir geborgen gewesen wäre.
Ich wanderte so viele Jahre, so lange, bis ich vergaß, dass ich eine Seele besitze. Wo warest du in all der Zeit? Welches Jenseits barg dich und gab dir eine Stätte? Oh, dass du durch mich sprechen musst, dass meine Sprache und ich dir Symbol und Ausdruck sind! Wie soll ich dich enträtseln?"

C.G.Jung im Kapitel Seele & Gott aus „Das Rote Buch“ jetzt erhältlich beim Patmos Verlag.

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