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Plötzlich ist da ein Netzwerk von Betern, das die Kardinäle trägtvon Stephan Baier

Ein paar junge Katholiken beschlossen, gemeinsam für die Entscheidungsträger im Konklave zu beten - und lösten eine globale Lawine aus

aus: Die Tagespost. Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, www.die-tagespost.de, Ausgabe 30/2013, Samstag, 9. März 2013


Der Papst und die Jugendvon Matthias Matussek

Matthias Matussek, Jahrgang 1954, studierte Amerikanistik und vergleichende Literaturwissenschaften in Berlin und kam anschließend über den »stern« zum »Spiegel«. Vom Fall der Berliner Mauer bis zum Tag der Deutschen Einheit berichtete er als Sonderkorrespondent aus Ost-Berlin und erhielt 1991 den "Egon-Erwin-Kisch-Preis". Ab 1992 leitete er das »Spiegel«-Büro in New York und schrieb als Gastkommentator für die New Yorker Zeitung »Newsday«. Ende 1999 übernahm er das »Spiegel«-Büro in Rio de Janeiro. Seit Januar 2004 leitet er das Korrespondentenbüro in London. Mehrere Veröffentlichungen, u. a. der Roman »Rupert« (Diogenes). Zu Dany Levis Film »Väter« lieferte er die Vorlage.

Der preisgekrönte Schreiber Matthias Matussek, hat mit «Die vaterlose Gesellschaft. Überfällige Anmerkungen zum Geschlechterkampf» zum ersten Mal ein Sachbuch geschrieben. Bisher veröffentlichte Matussek neun Bücher mit Kurzgeschichten und Romanen. Die letzten beiden, «Fifth Avenue», eine Sammlung von Kurzgeschichten, und «Rupert», ein Roman, erschienen beim Züricher Diogenes-Verlag. Matussek schreibt seit mehreren Jahren vielbeachtete Essays und Reportagen im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Er ist Träger des begehrten Kisch-Preises. Matussek ist verheiratet und Vater eines Sohnes.


Papst Johannes Paul II. und die Jugend

In den letzten Lebensstunden des Papstes waren es vorwiegend Jugendliche, die auf dem Petersplatz ihre Schlafsäcke ausgerollt hatten, um Wache zu halten unter seinem Sterbezimmer. Und es waren die Jugendlichen der Welt, an die seine letzten Worte gerichtet waren: "Es ist schön, dass ihr gekommen seid." Zwischen dem Heiligen Vater und "seinen" Jugendlichen bestand schon immer ein besonderes Band. Für viele scheint er tatsächlich der Vater gewesen zu sein, den sie in ihrem Alltag vermissten. Einer, der ihnen klarmachte, was richtig und was falsch ist, einer, der die gelegentliche Gardinenpredigt hielt, einer, der sie zum Glauben mahnte.

Der Papst und die Jugend, eine beiderseitige Liebesgeschichte. Er hatte den Weltjugendtag ins Leben gerufen. Er war gemeinsam mit Bob Dylan vor hunderttausenden Jugendlichen aufgetreten. In späten Jahren wurde er von Teenagern verehrt wie ein schiffbrüchiger Abenteurer am Ende einer besonders dramatischen Lebensreise, denn sein Leben war ein beeindruckender Kinostoff, vor allem für Jugendliche: Er war Widerstandskämpfer, Schauspieler, Poet, bevor er sein Priesteramt antrat. Er war bekannter als die Rolling Stones. Er war länger dabei als Madonna, und hübscher sowieso. Und noch nicht mal Michael Jackson zu seinen besten Zeiten hat je vier Millionen Besucher mobilisiert wie Johannes Paul II. 1995 zu seiner Messe in Manila.

Er wirkte magisch, allein dadurch, dass er den Jugendlichen buchstäblich ins Gewissen redete, statt nach dem Munde. Er predigte Konsumverzicht und Keuschheit - und er kam genau damit an. Die aufgeregten, glaubensfernen Debatten von ein paar linken Kirchenfunktionären über Mitbestimmung und Priesterinnen, all dieser graue Reformkram, der die Kirchen im Westen längst leergefegt hat, interessiert die Jugendlichen nicht die Bohne. Sie wollen angerührt werden in den tieferen Tönen des Glaubens.

In Toronto 2002 war der Papst im Helikopter eingeschwebt, und er hatte die Jugend dazu aufgerufen, im Menschenstaat den Gottesstaat zu errichten, das Salz der Erde zu sein und das Licht der Welt. Teenager brachen darüber in Freudentränen aus, Beobachter sprachen von einem Rockkonzert ohne Drogen. Durch Johannes Paul II. wurde klar, dass die Sprache der Religion schon immer eine Ekstaseverwandte gewesen ist und damit eine Verbündete der Jugend. Schon der junge Augustinus tanzte und sang, wenn er Gott pries, und er schluchzte sehr oft in seinen Gebeten.

Der Papst tat das, was die Jugend von einem strengen Vater erwartet: Er appellierte an den inneren Menschen. Eine subversive Botschaft in einer oberflächlichen konsumverrückten Welt, die gut verstanden wurde. Der Heilige Vater war ihr Vater, und er sprach jene Appelle aus, die viele von ihnen in ihren zerbrochenen Familien nicht mehr zu hören bekommen. In Zeiten, in der in westlichen Großstädten jede zweite Ehe geschieden wird, ist der pater familiae, der Vater als spiritueller Familienvorstand, gründlich abgeräumt. Er kommt vor als Arbeitstier, oder als ohnmächtiger, ferner, geschiedener Zahlvater. Aber er ist nicht mehr der liebende, der strenge, der weisende und begleitende Vater, der gebraucht wird vom Heranwachsenden.

Und hier hatte der Heilige Vater seine immense Bedeutung. Er versprach den Millionen Teenagern, die zu den Weltjugendtagen pilgerten, Trost in einer zerbrochenen, beklemmenden, von Gier und Furcht regierten Welt. Für Video-Clips eignete sich das wahrhaftig nicht, wie er, aufs pastorale Kreuz gestützt, im Vorhof des Todes noch gerade das hervorstieß, was er der Welt mitgeben wollte, unter Aufbietung letzter Kräfte. Doch genau darin war er - ihr Superstar. In seiner nachgelassenen Grußbotschaft zum Weltjugendtag in Köln machte er klar, worum es ihm ging in der katholischen Kirche: "Es ist gefährlich”, sagte er, "verschwommenen Auffassungen des Heiligen anzuhängen, die Gott unter der Gestalt der kosmischen Energie darstellen, oder in anderen Formen, die nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmen.”

Das war die Abgrenzung zu den anderen Produkten auf dem gegenwärtigen Heilsmarkt, den kalifornischen Geldkirchen und indischen Celebrity-Gurus und dem Kabbalisten-Zirkus um Madonna. Die katholische Kirche nach Papst Johannes Paul II. war keine feel-good-Veranstaltung für jedermann: entweder wir oder die anderen, sagte er. Beides geht nicht. Und genau dafür wurde er geliebt. Er redete Klartext, bis zum Schluss. Er war die Speerspitze der Friedensbewegung. Wie er da in seinem Rollstuhl saß, wie ein gefällter Baum, und die Mächtigen der Welt einbestellte im Vorfeld des Irak-Krieges, und ihnen die Leviten las - da triumphierten mit dem Papst die Demonstranten und Friedensteenager rund um den Globus.

Dieser Papst, von dem sie nun Abschied nehmen, war ihr Vater. Und wie ein guter Vater wird er, in seinen Weisungen, seinem Humor, seinen Ermunterungen, lange gegenwärtig bleiben für die Jugend der Welt.

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