+++ Sa., 22. Juli 2017, 18.00 Uhr +++ „Das neue Dorf" mit Prof. Ralf Otterpohl +++

Für eine bessere Weltvon Margot Käßmann

Warum ist das Wort „Weltverbesserer" heutzutage eigentlich negativ besetzt? Margot Käßmann ist sich sicher, dass unsere Weft genau diese visionären Menschen braucht. Mit ihrem Buch „Mehr als Ja und Amen" legt sie ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Leben mit anderer Perspektive vor und ermutigt: „Doch, wir können die Welt verbessern."

Frau Käßmann, was hat Sie bewogen, sich in Ihrem neuen Buch für Weltverbesserer einzusetzen?

Im Anschluss an den Kirchentag in Dresden war ich am 19. Juni 2011 in die Talkshow  „Anne Will" eingeladen; das Thema war "Gutmenschen". Ich habe die Einladung angenommen, weil mich schon lange beschäftigt, dass Begriffe wie „Gutmensch" und „Weltverbesserer" so abschätzig verwendet werden. Ja, sollen wir denn alle „Bösmenschen" und "Weltverschlechterer" werden oder neudeutsch: Realisten? Die Sendung war dann ziemlich anstrengend. Der FDP Politiker Martin Lindner erklärte, ich suggeriere, es gäbe klare Lösungen, „die einfach so von Laien auf der Straße nachvollzogen werden könnten". Als ich sagte, dass "Selig sind, die reinen Herzens sind" nicht von mir stamme, sondern aus der Bibel, konterte er: "Das muss dann auch Bibel bleiben und darf nicht den Anspruch erheben, reale Politik zu machen." Ähnlich argumentierte der Medienphilosoph Norbert Bolz, der sagte: „An Gutmenschen stört mich nichts, solange das privat bleibt."

Und das konnten Sie so nicht stehen lassen…

Die Attacke empfand ich als heftig. Ich respektiere Politikerinnen und Politiker, wenn sie erkennbar darum ringen, Lösungen für Herausforderungen unserer Zeit zu finden, die sie vor den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch vor ihrem eigenen Gewissen verantworten können. Mir ist klar, dass es da auch Kompromisse geben muss, und mancher Kompromiss ist nicht faul, sondern sehr fleißig errungen. Und dabei gilt: Wer im Hinterkopf hat, was die Bergpredigt als Kontrastgesellschaft beschreibt, nämlich dass die Barmherzigen, die Armen, die mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden "selig" gepriesen werden, wer ein Bewusstsein dafür hat, dass wir Salz der Erde und Licht der Welt sein sollen, gestaltet anders, hat besondere, durch lange Tradition bewährte Maßstäbe, die ihn oder sie leiten. Da geht es nicht zuerst um Sicherheit, Wachstum, Mehrheiten, sondern um Solidarität, den Blick auf die Schwachen, die Suche nach Zukunftschancen für die Jungen.

Warum sollten wir uns gerade als Christen nicht aus allem, was unsere Welt betrifft heraushalten?

Weil Glauben nicht im Abseits stattfindet. Wie wir leben, im Alltag, in Familie, Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft, darin bewährt sich unser Christsein. Das Evangelium weist auf die Sorge für die Schwachen, Witwen und Waisen hin, auf Fremde, die unter uns wohnen, die zu schützen sind. Gerechtigkeit und Frieden sind in großen Bildern der Hoffnung gemalt. Wir fühlen uns aufgefordert, den Mund aufzumachen für diejenigen, die ins Abseits gedrängt werden, deren Würde infrage gestellt wird, uns einzusetzen für Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung. Deshalb kann die Kirche auch  kein vom Alltag abgeschotteter Raum sein. Als Christin kann ich nicht einfach resignieren, nach dem Motto: Ich kann doch ohnehin nichts tun, also halte ich mich aus allem raus und richte mich in meinem Leben so bequem wie möglich ein. Das ist einfach, macht weniger angreifbar und verschont vor Verletzungen. Es geht aber um eine Frage der Haltung! Wenn ich als Christin die Welt als Gottes Schöpfung und mich als Gottes Geschöpf betrachte, trage ich auch Verantwortung für diese Schöpfung. Wenn Gott jeden Menschen zum eigenen Bilde geschaffen hat, kann es mich nicht unberührt lassen, wie es anderen Menschen ergeht. Wenn Gerechtigkeit biblisch gesehen der Maßstab für gelingendes Zusammenleben ist, muss ich mich fragen, was ich für die Gemeinschaft tun kann. Wenn Leben in Fülle verheißen ist, werde ich darum ringen, mein Leben sinnvoll und in Fülle zu leben und dabei auch Sorge dafür zu tragen, dass genau das anderen in meinem Umfeld, aber auch darüber hinaus möglich ist.

Also ist die Bibel durchaus politisch?

Ob ja, die Gebote, die biblischen Texte waren und sind politisch. Und: Oh ja, ich will in dieser Tradition die Welt verbessern, immer noch! Und ich begreife nicht, warum das Wort "Weltverbesserer" zum Schimpfwort geworden ist.

In jener Sendung bei Anne Will hieß es auch, die politischen und wirtschaftlichen Probleme seien doch einfach viel zu komplex, als dass die normalen Bürger sie durchschauen könnten. Viele Christen resignieren sicherlich angesichts der Vielfalt und Komplexität der Themen. Sie glauben, alleine nichts ausrichten zu können. Was sagen Sie diesen Menschen?

Dies empfinde ich als arrogant. Und als eklatant undemokratisch. Auch wenn nicht jeder Einzelne von uns Experte auf jedem Gebiet ist, auch wenn nicht jede Einzelne alle Zusammenhänge beschreiben kann: Wir können eintreten für das Leben, für ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und Frieden. "Gerechtigkeit und Frieden werden sich küssen", heißt es in der Bibel. Eine solche Vision können wir nicht abschaffen, indem wir sagen, das sei zu komplex oder allein mit Blick auf Gottes Zukunft nach dieser Zeit und Welt gemeint! All die Machbarkeitsexperten, Realitätsfanatiker und Bedenkenträger entwerfen doch keine Bilder der Zukunft, die wir dringend brauchen, um Mut zum Handeln zu finden in großen wie in kleinen Schritten. Ein Sprichwort der Xhosa im Süden Afrikas lautet: "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern." Und viele gehen solche Schritte: das Auto abschaffen, bewusst einkaufen, Unterschriften gegen Rüstungsexporte sammeln, sich bei der "Tafel" ehrenamtlich engagieren, im Hospizdienst tätig sein. Das ist nicht nichts, sondern sogar sehr viel.

Aber genügt das? Sind die kleinen Schritte nicht nur eine „Selbstentschuldigung"?

Als Peter Maffay gefragt wurde, ob seine Initiative "Schutzräume für Kinder" nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei, sagte er „Ja. Aber was ist denn die Alternative? Nichts tun?" Die Antwort hat mir gut gefallen, weil sie gegen diesen Defätismus ankämpft: "Ich kann doch nichts tun, mein Schritt ist zu klein." Doch, du kannst etwas tun! Dein kleiner Schritt ist Teil einer großen Veränderung, darum geht es. Wir alle leben verwoben in der Welt und das Umfeld, in das wir hineingeboren sind. Wir alle stehen immer wieder vor individuellen ethischen Entscheidungen. Und auch vor der Herausforderung, zu einer Meinung, einem Standpunkt zu finden, die wir offen vertreten und nach denen wir handeln - auch politisch Stellung zu beziehen. Unsere Welt wird von Menschen gestaltet, nicht von „Systemen". Es sind nicht anonyme Institutionen, die Entscheidungen  treffen, sondern Menschen in diesen Institutionen, in Politik und Kultur, Wirtschaft und Kirche. Sie übernehmen Verantwortung, und deshalb lässt sich etwas ändern - jeder und jede an dem Ort, an dem wir leben und arbeiten. Wir können uns nicht ständig als Ausgelieferte in einem anonymen System betrachten. Wir sollten genau hinsehen und hinhören, selbst Verantwortung übernehmen und diejenigen zur Rechenschaft rufen, die für Fehlentwicklungen und Unrecht verantwortlich sind, sich bereichern, handeln und entscheiden, was nicht der Zukunft dient. Das ist beispielsweise bei jeder Wahl in einem demokratisch verfassten Staat möglich. Ich kann nicht fassen, dass bei Wahlen immer weniger Menschen zur Wahlurne gehen, sich dann aber pauschal beschweren über „die Politik".

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Seligpreisungen für unser Reden und Tun ein entscheidender Maßstab sein können ...

Für mich sind die Seligpreisungen einer der schönsten und eindrücklichsten Texte der Bibel. Wie anrührend, aufrüttelnd diese wenigen Sätze nach 2000 Jahren noch sind! Selig, ja, glücklich sind also alle, die noch etwas anderes denken können als das Vorhandene, das, was immer schon so war. Selig, wer andere Maßstäbe hat und nicht Leistung, Durchsetzungsvermögen, Gewinn und Ellenbogen an die erste Stelle setzt. Das bleibt bis heute eine radikale Infragestellung der vorherrschenden Werte. Eine Kontrastgesellschaft zu dem, was wir sehen und vorfinden, wird hier gezeichnet. Eine Gesellschaft, die lieben und trösten kann, Rücksicht nimmt, sich verständigen will .

„Etwas anderes denken als das Vorhandene“ - also ist es wichtig, querzudenken?

Allerdings! Wenn wir aufhören, zu hoffen und zu träumen, wird sich nie etwas verändern. Es ist gut und wichtig, dass es Politikerinnen und Politiker gibt, die Kompromisse schließen, das Machbare möglich machen. Aber es ist auch gut und wichtig über den Tag und den Kompromiss hinaus nach Denkanstößen zu fragen, die nicht gleich mit dem Machbarkeitsargument zerschmettert werden. Dabei können Christinnen und Christen durchaus unterschiedlicher Meinung sein, das hält unsere Kirche aus! Aber sie können nicht einfach Ja und Amen sagen, das ist zu wenig. Da mutet uns das Evangelium mehr zu.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Mir geht es um eine Ermutigung zur Einmischung: An meinem Ort - deshalb führe ich möglichst viele Beispiele aus der eigenen Erfahrung an. Auf der Grundlage meines Glaubens - daher verweise ich immer wieder auf biblische Zusammenhänge. Im Kleinen wie im Großen - aus diesem Grund versuche ich, Alltagsgeschichten zu erzählen, die beides verbinden. So kann Widerspruch entstehen gegen das landläufige: "Es ist nun mal so und lässt sich nicht ändern…“

Oh doch, wir können, ja, du kannst die Welt verbessern!

Quelle: adeo magazin - 1|2013

Our website is protected by DMC Firewall!